Köstliches Grünzeugs am Wegesrand – Kräuter to go für alle

Die Anfahrt nach Gut Wittmold ist schon ein Traum in Grün. Der Gutshof liegt auf einer Halbinsel im Kleinen Plöner See. Vorbei an wogenden Rapsfeldern, Apfelbäumen und mit Kapuzinerkresse, Zuccini bepflanzten, alten Siloringen geht’s schnurstracks auf das 1895 erbaute Gutshaus zu. Hier treffen wir uns heute um 14 Uhr zum Kräuterspaziergang.

Die letzten 4 Tage hat es geregnet. Nein, gegossen. Regenwahrscheinlichkeit am Freitag:100%. Nun ist der Himmel bedeckt und es ist windig. Naja, der Wind trocknet wenigstens die Gräser und Bäume.

Eine bunt gemischte Truppe in Vorfreude
14 Teilnehmer, eine bunt gemischte Truppe, findet sich zum Naturgenussspaziergang mit Picknick zusammen. Gleich auf dem Parkplatz treffe ich ein sehr sympathisches Ehepaar. Kölscher Dialekt. Da frage ich doch mal gleich, woher sie denn kommen. Aus Overath, bei Köln. Die beiden rüstigen Senioren, wie sie mir später verraten beide 75 Jahre alt, machen Urlaub in Plön. Die Umgebung wird erkundet per Rad und zu Fuß. Vom Naturgenussfestival haben Sie durch die Broschüre erfahren und nun werden die Veranstaltungen, die in der Nähe sind, mitgemacht. „So lernen wie ne Menge von der Landschaft kennen und heute auch von den Pflanzen. Interessant sind die Leute die mitmachen, so haben wir schon nette Kontakte knüpfen können. Wandern tun wir gerne – aber ehrlich, am besten sind die Pausen und wir freuen uns auf´s Picknick!“ schmunzeln die beiden.
Antje begrüßt uns herzlich und erzählt, was wir erleben werden und warum sie die Spaziergänge macht. Sie ist zertifizierte Natur-und Landschaftsführerin und beruflich als Landschaftsplanerin tätig. Also ein echter Profi! Damit wir wissen, wer so mitläuft, stellen wir uns alle kurz vor. Eine interessante Truppe. Aus Hamburg, Kiel, Plön, Preets und eben Overath kommen die Teilnehmer.

Lindenblätter to go
Gleich geht’s los. Unsere erste Station sind die Sommerlinden gleich am Gut Wittmold. Frisch grün leuchten die herzförmigen Blätter. Gepflückt werden die ganz jungen Blättchen und auch gleich probiert. Herrlich frisch, süßlich grasig schmecken sie. Antje verrät uns, dass wir damit nachher nicht nur einen Salat essen werden, sondern auch „Caprese“ – Tomaten und Mozzarella auf Buchenblättern.

Weiter geht’s am Gut vorbei um den kleinen See. Gierschfelder – darin fühlt sich besonders Lulu, der schokobraune Labrador wohl – werden erkundet. Giersch ist für Pesto, Salat, Smoothie toll. Oder auch gekocht wie Spinat ein Genuss. Vorbei am See finden wir Sauerampfer und den echten Nelkenwurz. „Nelkenwurz – wie der Name schon sagt.“ So Antje. Aha. Wir verstehen nicht sofort, was sie meint. Daraufhin zückt sie ihren kleinen Spaten, gräbt eine Pflanze aus und reibt an den Wurzeln.
AH. Deshalb. Die Wurzel riecht wie die Gewürznelken. Interessant.
Rund um den See gibt’s nicht nur Kräuter zu erkunden, sondern auch Kunst!

Naturgenuss mit Kunst und Kultur gewürzt
Die Gutsbesitzer, die Familie Bülow-Sartory, kümmert sich nicht nur um ökologische Landwirtschaft, sondern hat auch ein Faible für Kunst und Kultur.
Der Seeweg ist gleichzeitig ein Kunstweg mit Skulpturenlandschaft, die der Künstler Bernhard G. Lehmann gestaltet und inszeniert hat. Die ehemaligen historischen Landarbeiterhäuser, Wirtschaftsgebäude und teils auch nur Fragmente von Gebäuden, haben einen eigenen Charme.
Wir biegen beim ehemaligen Feuerwehrhäuschen, nun ein kleines Ferienhäuschen, ab. Am See entlang finden wir Knoblauchrauke, Wiesenschaumkraut und oh, was ist das denn? Als wir über eine alte Bohlenbrücke gehen, strömt uns ein intensiver Minzgeruch entgegen.

Mojito unter der Brücke oder: Woran man bei einem bestimmten Geruch denkt

„Gibt’s hier irgendwo Mojito?“ fragt eine Teilnehmerin. Antje schaut und tatsächlich, an der Brücke wächst ein ganzes Feld von Wasserminze! Da schnuppert selbst die brave Lulu ganz verzaubert!
Wir pflücken wieder ein paar Stengel für unseren Salat und freuen uns schon. Auf den Salat. – Mojito gibt’s nicht. Als nächstes finden wir Baldrian – wunderhübsche weiß-rosa Blüten, die schon ein wenig nach Baldrian riechen. Antje klärt uns auf: Es sind die Wurzeln, die für die Herstellung von z.B. Baldriantropfen verwendet werden.

Schwarze Handschuhe für brennzlige Situationen
Nun verteilt Antje schwarze Handschuhe. Huch, was nun? Für die großen Brennnesseln. Oh. Es gibt, wie bei fast allen Pflanzen, weibliche und männliche Pflanzen. Das nennt man zweihäusig. (Es gibt aber auch einhäusige Brennnessel)Die männlichen haben eher gelbe Kügelchenblüten, die weiblichen die Blüten mit den weissen, kleinen Fäden.

Die Brennessel ist eine der Heilkräuter, die nicht nur sehr vielfältig verwendbar sind, sondern auch schon früh entdeckt wurden. Als Faserpflanze wurde sie für die Herstellung von Textilien (Leinen, Flachs) genutzt. Auch Hildegard von Bingen (1098-1179) wusste um die Kräfte der Brennnessel. Wir probieren die Samen. Mild, aromatisch etwas herb und ein bisschen nussig. Kati, eine Teilnehmerin aus Wittmold, also sozusagen Nachbarin, weiß, dass man die Samen auch gut anrösten kann.

Tatsächlich gehören die Brennnesselsamen inzwischen zu den Superfoods im Bio-Regal und bei den Apotheken. Selten hat ein Samen soviel Vitamine wie Eisen, Vitamin C, „, LKalzium, Kieselerde etc. Hier ein Link für weitere Infos:
http://www.kraeuter-almanach.de/kraeuter-magie/kraeuterportraet_brennessel_eins.html
Weiter geht’s.

Hopfenspitzen können verzücken
Denn nun kommt die nächste Überraschung: Hopfen. Nein, wir wollen kein Bier brauen. Obwohl, das wäre ja auch eine Idee.
Antje erklärt, woran wir den Hopfen erkennen und was wir mit den jungen Hopfentrieben machen können. Gerüstet schmecken sie wie Spargel und auch so roh, direkt aus dem Knick, sind sie für uns ein Genuss. Ein Teilnehmer weiß, dass es im Fränkischen einen „Hopfenspitzensalat“ gibt. Immer nur im Frühjahr ist es dort eine Spezialität.

Ein prämierter König gibt sich die Ehre
Als nächstes finden wir Spitzwegerich. Auch König der Wege genannt. Wohl weil „rich“ König bedeutet und auch wegen der Krone rund um die Spitze und klar, er wächst überall. 2014 wurde er aufgrund seiner enormen Heilwirkungen zur Arzneipflanze des Jahres gewählt. Er hat soviele Wirkungen wie Blütenkapseln. Um nur einige zu zitieren: Antibakteriell, Abschwellend, Blutreinigend, Desinfizierend, Entzündungshemmend…Er hilft gegen viele Atemwegserkrankungen, Hautentzündungen, Verbrennungen …
Jede Pflanze hat Ihre Bedeutung, ihre Wirkungen, Geschmack. Jeder von unserer Gruppe pflückt, fragt und ist erstaunt. Was es alles gibt!

Eigene Entdeckungen sind nachhaltiger als Lektüre
„Ich wohne hier in der Nähe, in Plön. Wir haben selbst einen Garten und sind viel in der Natur unterwegs. Ich habe mir extra ein Pflanzenbestimmungsbuch gekauft. Aber irgendwie muss man das doch mal live erleben, habe ich mir gedacht. Und das stimmt! Soviel wie ich hier lerne, das kann mir kein Buch in der Theorie beibringen!“ so Marita aus Plön. Wir spazieren weiter. Gemütlich aber doch mit Elan. Denn die Zeit vergeht so schnell – so langsam stellt sich der kleine Hunger ein.

Jede(r) fühlt sich gut aufgehoben
Auf dem Spaziergang lernen sich die Teilnehmer kennen. Es ist eine sehr nette und ausgelassene Atmosphäre. Ich gehe ein Stück neben Sabine. Sie ist sehr interessiert und erzählt mir, dass sie gerne mit dem Wohnmobil unterwegs ist. Bisher war sie immer skeptisch, Pflanzen am Wegesrand zu pflücken, dass wird sich nun ändern. Ganz besonders entspannend findet sie, dass sie auch als Single zu keiner Zeit das Gefühl hat, irgendwie „aufzufallen“. Das ist vielleicht manchmal so, klar. Aber ich kann ihr da nur sagen: Bei unseren Naturgenussfestival Veranstaltungen haben wir ja alle ein Thema und Interesse. Die Natur zu erkunden und zu geniessen. Daher sind wir immer ein Team. Egal wie alt, ob als Paar oder Single oder was auch immer. Jeder ist herzlich willkommen. Und alleine bleibt tatsächlich keiner.
Weiter geht’s durch Rapsfelder, durchzogen mit Kamillen – ja, auch Heilpflanzen – Mohnblumen und Schafgarbe.

Keine Angst vor Bären
Antje bleibt eigentlich alle paar Meter stehen, erklärt, zupft raus, zerdrückt und ist jedesmal ehrlich begeistert, dass wir so begeistert sind!
Oh, denke ich auf einmal, dieses Kraut mag ich gar nicht – Bärenklau. Antje beruhigt mich, das ist der Wiesen-Bärenklau. Blätter sehen genauso aus –wie Bärentatzen-, er wird aber nicht so groß wie der Riesen-Bärenklau und ist nicht giftig. Ganz im Gegenteil es ist eine Heilpflanze! Mehr hier: http://www.pflanzenfreunde.com/heilpflanzen/wiesenbaerenklau.htm
Gut, da bin ich beruhigt, aber trotzdem nicht sicher, ob ich ihn alleine pflücken würde. Weiter geht’s und wir finden noch so einiges.

Ende gut, alles richtig gut!
Nach gut 7km Wanderung sind wir wieder beim Gut Wittmold. Antje hat Pellkartoffeln mitgebracht und leckere Galloway Frikadellen (die hat Antjes Mann übrigens zubereitet, auch hier nochmal ein ganz herzliches Danke, die waren ein Genuss!) weiterhin Tomaten und allerlei fürs Dressing. Dazu gibt’s leckeren Apfelsaft mit Minze und leckeren Wein und Bier.
Ganz köstliches Brot hat der Holzofenbäcker aus Kiel dazu beigesteuert!
Einige haben schon so viel Hunger, da wird schon mal ein Knust vom köstlichen Brot verdrückt. Mal zwischendurch frage ich: „Was waren denn Eure Favoriten oder Überraschungen heute unter den Pflanzen?“ Erster Platz: Die Sommerlinde. Zweiter Platz: Die jungen Hopfenspitzen und Dritter Platz: Die Waserminze. Unser knuffiges Paar aus Overath bei Köln hat die Picknickbecher schon mal mit einem Weinchen gefüllt. „Sischa dat, de Pausen sün dat beste!“ Wir bereiten leckere Kräuterbutter, Caprese mit Lindenblättern, Kräuterkartoffelsalat zu. Und dann wird gegegessen. Soooo lecker und lehrreich kann nur ein Naturgenussspaziergang sein. Wir sind alle begeistert, haben viel gelernt, gesehen, geschmeckt, gerochen und entdeckt. Danke Antje!

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