Bezahlbarer Bio-Naturgenuss vom Westhof Bio

Friedrichsgabekoog ist seit einiger Zeit das Mekka für viele Lebensmittel-Discounter, die auf regionale Bio Qualität setzen. Wo dieser Ort liegt? Im tiefsten, grünen Dithmarschen. Die ehemalige, freie Bauernrepublik zwischen Nordsee, Nord-Ostsee-Kanal, Elbe und Eider entwickelt sich so langsam zum Bio-Land. 

Land voller Gegensätze – die zusammenpassen
Für mich ein Landstrich voller Gegensätze. Strategisch günstig, aber irgendwie ab vom Schuss. Fruchtbares Land, dass schon früher trotzig der Nordsee abgerungen wurde, gerade in den Kögen. Trotzdem voller Windmühlen, die Energie aus Wind und nicht aus Erde produzieren. Liebevoll werden sie „de Spargels“ genannt. Naja, so ist das dann eben auch Gemüse, denken sich die Einheimischen. Der Wind ist hier genauso fruchtbar wie die Erde! Selbst die Kreisstadt, Heide, gibt mir immer wieder Rätsel auf: Sie hat eine international angesehene Fachhochschule mit interessanten Studiengängen wie International Tourismusmanagement oder Wirtschaftspsychologie – aber keine Studenten- oder Kneipenkultur. Naja, aber nun zu unserem Naturgenussfestival-Partner, der irgendwie auch in dieses Schema passt. Ein Bio-Bauer, der konsequent nachhaltig Gemüse und Früchte produziert – und dabei auf Masse setzt. Ein Familienunternehmen, das auf Pflanzenschutzmittel setzt, der Ulf heißt. Wo die emsigsten Mitarbeiter im Gewächshaus Schwarz-Gelb tragen und vor sich hin summen. Sind das Widersprüche oder passt das alles zusammen?

Eigensinnig, kreativ und erfolgreich
Die Dithmarscher sind ein Volk für sich. Schon immer gewesen – daher auch ehemals freie Bauernrepublik. Seit jeher lehnen die Dithmarscher Druck „von oben“, von der Regierung ab.
Hier haben die Menschen einen besonders freien, dicken Kopf. Und der angebaute Kohl auch – denn hier ist das größte, zusammenhängende Kohlanbaugebiet Deutschlands. Seit ein paar Jahren werden sehr, sehr viele Bio-Möhren und Erbsen angebaut. Hier steht das größte Bio-Tomaten-Gewächshaus Deutschlands mit knapp 70.0000

Das größte Gewächshaus für Tomaten in Deutschland (Foto aus Imagebroschüre Westhof Bio

Tomatenpflanzen auf vier Hektar! Alles Dank zwei eigensinniger Landwirte.Dorthin führt mich heute mein Weg.

Naturgenussfestival-Partner – das muss gelebt werden
Das Naturgenussfestival hat hier einen umtriebigen Partner, den Westhof Bio. Gegründet von Rainer Carstens und Paul Heinrich Dörscher, die seit 1989 auf biologischen Landbau umgestellt haben.
Das alleine ist aber kein Grund für uns, beim Naturgenussfestival, den Westhof Bio als ausgewählten Partner für seine Führung über den Hof zu haben. Dieser Betrieb denkt „über den Tellerrand hinaus“ und immer noch ein bisschen weiter!
Seit Gründung gibt es 5 unterschiedliche Unternehmen unter diesem Markendach. Diese reichen vom Westhof-Anbau, -Gewächshaus, -Handel, -Frost bis zur -Energie. Nun sagen einige kritische Beobachter, auch bei unserer Führung über den Hof: „Muss das sein, so groß und so viele Firmen?“ Da kann der kaufmännisch denkende Mensch nur sagen: Ja. Ab einer gewissen Größenordnung, wenn man das Ziel hat, Bio auch wirklich bezahlbar für eine grosse Menge an Menschen herzustellen, muss das so sein. Und darunter leidet nicht die Qualität. Im Gegenteil – die wird, gezwungenermaßen, besser. Wozu braucht es soviele Firmen. Nun, das sind rein ökonomische und rechtliche Zwänge, auch aufgrund der besseren Abgrenzung.

Komplette Kontrolle zum Wohl der Qualität 

Der Westhof Bio hat vom Anbau, Aufzucht über Frost und Handel die komplette Linie des Gemüses unter Kontrolle. Mit der Energie-Sparte sind sie komplett autark aufgestellt. Und nicht nur das. Denn im Westhof-Bio-Kreislauf geht nichts verloren. „Unser Ziel ist es, der Natur so viel zurückzugeben, wie wir Ihr entnehmen.“ so die Gründer. Daher setzen sie auf einen symbiotischen Energie- und Nährstoffkreislauf.

Blühende Felder – wat mut dat mut
Auf den Feldern rund um den Westhof-Bio sieht man immer wieder blühende Flecken. Ungewöhnlich. Denn in der konventionellen Landschaft kann man keine Blumen, Gräser mehr entdecken, geschweige denn Insekten! Das bemerkt man spätestens, wenn man nach einer langen Überlandfahrt beim Tanken nicht die Windschutzscheibe putzen muss!

Rosenkohl Anbau mit Blumenreihen zwischendurch

„Da wachsen ja Klee, Sonnenblumen und andere blühende Pflanzen mitten in den Reihen vom Kohl!“ ruft eine Teilnehmerin bei unserer Führung über den Westhof Bio. „Ja klar! Das ist gut für unseren Kohl, die Bienen oder andere Insekten und sieht zudem noch schön bunt aus. Ausserdem brauchen wir das Kleegras und den Blühwiesenschnitt für unsere Biogasanlage!“ so Eggert Wollatz, selbst Verpächter an den Westhof Bio und unser Gastgeber heute, der geduldig alle Fragen beantwortet.

Im Energiekreislauf geht nicht der kleinste Grashalm verloren

„Und was wird mit der Biomasse gemacht, die übrig bleibt nach der Vergärung?“ fragt ein Landwirt, der sich für den Energiekreislauf interessiert. „Die Biomasse wird als natürlicher Dünger auf die Böden ausgebracht, wenn sie Dünger benötigen. Auch die absortierten Früchte der Tomaten werden in der Biogasanlage verwertet. Ebenso das absortierte Gemüse wird dort vergoren. Alles bester Dünger.“
So langsam wird den Teilnehmern (und mir) klar, wie der Biokreislauf hier funktioniert und das wirklich gar nichts „wechkümmt“, wie der Dithmarscher sagt. Entweder wird das Gemüse verkauft oder in der Biogasanlage verwertet. Das riesige Gewächshaus wird mit der Abwärme aus der Bio-Frosterei angewärmt. Auch wenn das Biogas im Blockheizkraftweerk in Strom umgewandelt wird entsteht Wärme. Diese wird zunächst in der Frosterei zum Blanchieren des Gemüses eingesetzt. Die CO2-haltige Abluft aus dem Blockheizkraftwerk wird zuerst gereinigt und dann auch abgeleitet in das BioGewächshaus. In der Biogasanlage werden ausschließlich die Gemüsereste und Grasschnitt aus der Fruchtfolge vergoren – es gibt keine Nahrungsmittelkonkurrenz! Darüber bin ich übrigens sehr froh! Endlich mal keine Biogasanlage, die mit Mais „befeuert“ wird.
So hilft das CO2 den Bio-Tomaten beim Wachsen. Es werden weiterhin Wind-und Solarenegie genutzt.

Direkt vom Feld pflücken – hier unbedenklich möglich!

Zuerst für verrückt erklärt – nun alles richtig gemacht

„Als Carstens damit anfing, haben wir ihn alle für verrückt erklärt!“ sagt eine Teilnehmerin, die aus dem Nachbardorf kommt und sich ein Herz gefasst hat, bei dieser Naturgenussfestival Führung dabei zu sein. Wie sie mir verrät, war sie schon lange neugierig darauf. Gut so! Das ist eine echte Dithmarscherin, gerade heraus und gar nicht wortkarg! „Ja und nu? Nu sagen wir alle: Richtig hat er das gemacht. Aufs beste Pferd gesetzt und letztendlich gewonnen. Auch wenn ihm immer wieder viele Hindernisse in den Weg gestellt wurden. Is ein guter Bauer!“ tja, das ist mal ein Lob, dass Eggert Wollatz einfach mal so stehen lässt und alle nicken bedächtig.
Zu einem richtigen Bauern gehören die Landmaschinen! Und die gibt es reichlich hier auf dem Hof zu entdecken! Riesige Trecker und Spezialmaschinen.

Die Landmaschinen – hier gehegt und gepflegt!

Unter anderem sehen wir in einer Maschinenscheune zwei riesige Maschinen mit rüsselähnlichen Scherenarmen-sieht fast aus wie vom Mond.… Puh ha. Die sehen gefährlich aus…Ich frage Eggert Wollatz, wie denn diese Maschinen heißen und wozu sie da sind. „Das sind Möhrenklemmbandroder.

 

Damit können wir vier Reihen Möhren auf einmal ernten. Hier vorne, bei den Scheren, kann der Neigungswinkel genau eingestellt werden und die Möhren werden

Mit diesen „Scherenhänden“ werden die Möhren vorsichtig aus der Erde gezoge

tatsächlich sehr vorsichtig aus der Erde herausgezogen – denn sie müssen fein aussehen

Hui, eine riesige Maschine für die Ernte der feinen Möhren!

und dürfen nicht beschädigt werden. Diese Maschinen gibt es übrigens schon seit den 70-ziger Jahren und wurden immer weiter technisch verbessert. Das Kraut wird auch gleich entfernt und hier auf dem Igelband wird die erste Erde abgeschüttelt. Dann werden die Möhren abtransportiert, kommen in unsere Ernte-Kisten und werden bis zur Verarbeitung kurz in Holzkisten bei optimaler Temperatur zwischen 0,2 und 0,8 Grad zwischengelagert.“

Die Holzkisten warten auf ihren orangenen Inhalt

Die Möhrenverarbeitung haben wir ja schon gesehen. Die langen Bänder, die Waschmaschine und Verpackung. Faszinierend präzise. Wie das alles funktioniert und wie der Brokkoli in die Tüte kommt oder die feinen, kleinen Tomaten wachsen – darüber berichte ich das nächste Mal, wenn ich beim Westhof Bio bin! Übrigens: Die Teilnehmer haben alle eine Tüte voll mit herrlichem Bio-Gemüse erhalten. Vielen Dank für die tolle Führung und die leckeren Tomaten, Brokkoli und Möhren. In diesem Jahr sind alle Führungen bereits „ausgebucht“ – aber im nächsten Jahr gibt es sicher wieder welche! Ich freu mich schon drauf!

P.S. Übrigens haben sich einige, wenn nicht sogar fast alle, Dithmarscher Gegensätze bei mir nach diesem Tag aufgelöst. Auch dass Heide eine super FH hat, aber keine Studenten-oder Kneipenkultur. Auf dem Rückweg nahm ich eine trampende, junge Frau mit. Wie sich herausstellte, Studentin an der FH für Internationales Tourismusmanagement. Und sie erzählte, die meisten studierten in Heide, da man hier einen absolut guten Praxisbezug hat, tolle praxisnahe Professoren, sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt und: Man kommt sehr schnell durchs Studium. Hm, wohl auch wegen der fehlenden Kneipenkultur. So hat alles wieder einen Sinn!

Naturgenussfestival und der Westhof Bio – eine bio-logische Partnerschaft!

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